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Wedekind, Der Marquis von Keith

Deutsch

 

Dr. Sascha Kiefer                                      Universität des Saarlandes, Fr 4.1 Germanistik

                                                                        sascha.kiefer@mx.uni-saarland.de

 

Fortbildungsveranstaltung: Wedekind, Der Marquis von Keith

 

Frank Wedekind 1864 – 1918

■ Zentraler deutscher Dramatiker um 1900

■ Symbolfigur im Kampf gegen die Zensur

□ 1899/1900 7monatige Festungshaft wegen ›Majestätsbeleidigung‹

□ Vorwurf der ›Unsittlichkeit‹ gegen alle seine Dramen

Geringe Aufführungsmöglichkeiten, Zensurauflagen, Verbote usw.

(B: Frühlings Erwachen ED 1891, EA 1906)

 

1. Zur Biografie Frank Wedekinds

Geboren 1864 in Hannover als Sohn von Dr. med. Friedrich Wilhelm Wedekind

(1816-1888) und Emilie Wedekind geb. Kammerer (1840-1915)

Wohnsitz der Familie seit 1872: Die Lenzburg bei Aarau in der Schweiz (Abb.)

1884 Abitur, ab Mai Studium (Germanistik, französische Literatur) in Lausanne,

zum Winter-Semester in München (Jura, auf Wunsch des Vaters)

■ Frühe literarische Produktion (Gedichte, kleine Dramen), Bekanntschaft mit

jungen naturalistischen Autoren (Michael Georg Conrad, G. Hauptmann u.a.),

Vernachlässigung des Studiums

1886 Tätliche Auseinandersetzung und Bruch mit dem Vater

■ Wahl des Schriftsteller-Berufs: Beiträge für die Neue Zürcher Zeitung,

November 1886-Juli 1887 Vorsteher des Reklame- und Pressbüros der Firma Maggi

September 1887 Versöhnung mit dem Vater, Wiederaufnahme des Jura-Studiums

11.10.1888 Plötzlicher Tod des Vaters; das Erbteil ermöglicht es Wedekind, seine schriftstellerische Tätigkeit einige Jahre ohne Existenzsorgen auszuüben

1889 Wohnsitz in Berlin, später wieder in München

1890/91 Entstehung und Erstdruck von Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie

1891-1895 Leben in Paris und London, erste Arbeiten am Lulu-Komplex

1896 Wieder in München, wichtiger Mitarbeiter der neugegründeten satirischen Zeitschrift Simplicissimus (Gründer und Herausgeber: Albert Langen)

1898 Uraufführung von Der Erdgeist durch die Litterarische Gesellschaft, Leipzig;

Wedekind, obwohl als Schauspieler völlig unausgebildet, spielt den Dr. Schön.

 

1899/1900 Festungshaft wegen Majestätsbeleidigung in satirischen Gedichten

1898/1900 Arbeit an Der Marquis von Keith

11. Oktober 1901 Uraufführung des Marquis von Keith am Berliner Residenztheater

1901/03 Publizität durch Mitarbeit im Münchner Kabarett-Ensemble Elf Scharfrichter,

häufige Auftritte als Bänkelsänger und Rezitator

ab 1905/06 Allmähliche Etablierung auf der Bühne, verschiedene Aufführungen

der Lulu-Dramen (z.B. 1905 in Wien durch Karl Kraus, mit Tilly Newes als Lulu und

Wedekind als Jack the Ripper), 1906 großer Erfolg der Max-Reinhardt-Inszenierung von Frühlings Erwachen (mit Wedekind als Vermummter Herr)

1906 Heirat mit Tilly Newes, Töchter Pamela geb. 1906, Kadidja geb. 1908

1918 Tod infolge missglückter Operationen

 

2. Bezugnahme auf authentische historische Vorgänge im Marquis von Keith

 

2.1 Zur Aussagekraft der Titelvarianten

 

■ Erstdruck in der Zeitschrift Die Insel (April-Juni 1900) unter dem Titel (nicht Unter­titel!): Münchner Scenen. Nach dem Leben aufgezeichnet von Frank Wedekind.

■ Erste Buchausgabe unter dem Titel: Marquis von Keith. (Münchener Scenen).

Schauspiel in fünf Aufzügen. München: Albert Langen 1901 –  Mit Ergänzungssatz im Personenverzeichnis: »Das Stück spielt in München im Spätsommer 1899«.

■ Überarbeitete Fassung unter dem Titel:

Der Marquis von Keith. Schauspiel in fünf Aufzügen. München: Albert Langen 1907.

Beibehaltung der Ort/Zeit-Angabe im Personenverzeichnis.

 

2.2 Direkte Bezugnahmen auf das Kultur- und Theaterleben der Jahrhundertwende

 

■ Theaterunternehmen (seit der Theaterfreiheit 1869) generell als begehrte

Spekulationsobjekte

■ Aufblühende Unterhaltungsindustrie, v.a. mit ›Feenpalästen‹, Tingeltangel,

Variététheatern, Vergnügungsetablissements usw.

■ Spezielles Muster: Vorgänge um die Gründung des Deutschen Theaters

in München im Herbst 1896, die Wedekind gut bekannt waren

Emil Meßthaler (1869-1927), damals der jüngste deutsche Theaterdirektor,

als Vorbildfigur für den Marquis von Keith (zumindest im Geschäftlichen)

 

»Geschäftstüchtig wie er war, energisch und zielbewusst, kalt und berechnend, hatte er ohne Zögern umgesattelt und war Unternehmer, war Theaterdirektor geworden. […] Eine unbändige Leidenschaft des Verdienenwollens trieb den jungen Menschen an, hetzte ihn weiter und weiter. Wenn es den Begriff des eiskalten Feuers gäbe, so hätte er auf [sein] Temperament gepasst. In diesem steinharten, rücksichtslosen Geschäftsmann glühte doch zuinnerst der Funke eines Künstlermenschen […] Als der gerissene Geschäftsmann, der er war, hatte [er] ein ganzes höchst raffiniertes System von Verträgen mit Baufirmen, Geschäftsleuten und einer Münchner Großbrauerei ausgeklügelt. Sie waren samt und sonders von dem einen Gedanken erfüllt, alles Risiko auf die anderen abzuwälzen, umgekehrt den Gewinn allein einzustreichen. Man kann dies moralisch anfechtbar finden. Nur war das Merkwürdige, wie es [ihm] überhaupt gelingen konnte, mit Leuten, die doch auch nicht von gestern waren, derartige Abschlüsse unter Dach und Fach zu bringen.«                  

Max Halbe in seiner Autobiografie über Emil Meßthaler

 

■ Projekt Meßthalers: Ein ›Feenpalast‹ in der Schwanthalerstraße mit Räumlichkeiten, in denen insgesamt 6000 Personen Platz finden können, darunter verschiedene Cafés, Wein- und Bierrestaurants mit Terrasse und Wintergärten, 5 Speiselokale, 1 Billardsaal, 1 Theatersaal mit 2000 Plätzen (in dem Meßthaler ein ›Theater der Moderne‹ etablieren wollte), 1 Konzertsaal, 1 Rauchsalon, 20 Läden, 2 Kegelbahnen usw.

■ Nach außen hin getragen von Meßthaler und seinem Architekten Bluhm, im Hintergrund finanziert durch die Kommerzienräte Haenle und Sedlmayr, letzterer Besitzer der Müncher Spatenbrauerei. Vgl. im Marquis von Keith: Baumeister Krenzl, Konsul Kasimir, Brauereibesitzer Ostermeier.

■ Glanzvolle Eröffnung des Deutschen Theaters am 26.9.1896, u.a. mit Max Halbes Jugend und einem Ballett Ein Mahl des Nero. Der erhoffte Besucheransturm bleibt in der Folge aus. Max Halbe dazu: »Man […] hatte Ballsaal und Theater zusammenwerfen, hatte auf diese und auf jene Weise Geschäfte machen wollen. Die Folge war, dass vorerst überhaupt kein Geschäft ging«.

■ Am 30.10.1896 wird Direktor Meßthaler von den Finanziers vor die Tür gesetzt; die Presse berichtet von Inkorrektheiten und Betrügereien des »Glücksritters«. Ein Jahr später wird das Haus zwangsversteigert und von dem Zirkusbesitzer Hugo Oertel als reines Vergnügungsetablissement weiterbetrieben.

Fazit: Wie auch bei der Zeichnung der Künstlerfiguren (Komponist, Maler,

Schriftsteller, Sängerin) orientiert sich Wedekind an der Münchner Wirklichkeit,

auch wenn keine Figur nur in einem Vor- oder Urbild aufgeht.

 

3. Gegensätze und Scheingegensätze in Wedekinds Marquis von Keith

   

3.1 Der zentrale Scheingegensatz

 

›Bürgerliche‹ Welt des Kapitals,                      →←                            Abenteurerwelt, Scheinwelt

der Berechnung, der Bilanzen                                                     des Marquis von Keith

                                                                                                                     

   

Aufhebung des Gegensatzes im Spätkapitalismus:

Wirtschaftsleben entzieht sich individueller Kontrolle;

Börsengewinne sind immer weniger durch Arbeit,

Qualifikation usw. gedeckt

Gefühl der Entwurzelung

Abhängigkeit von irrationalen Stimmungen

 

 

Marquis von Keith                                                     Konsul Casimir

Hochstapler, ›Genussmensch‹           →←                           Millionär, ›Gewinnmensch‹

Antibürger, ›Künstler‹                    →←                            Großbürger

Eloquent Redender                                 →←                            Lakonisch Handelnder

                                                                        ABER:

 

Keith bewundert Casimir als »größ-                                     Casimir beneidet Keith »um

tes deutsches Finanzgenie« (7)                                           seinen feinen Spürsinn« (61)

                                                                                               

Beide verkörpern zentrale Eigenschaften des Geschäftsmanns,

Gegensätze heben sich in kapitalistischer Grundeinstellung auf.

Vgl. auch Casimirs Bewusstsein: »Ich bin heute der angesehenste Mann Münchens,

sehen Sie, und kann morgen hinter Schloß und Riegel sitzen« (61)

 

 

 

 

 

 

 

 

3.2 Der zentrale Gegensatz: Keith und Scholz

 

■ Wedekind hatte sein Schauspiel in einer frühen Arbeitsphase als Ideendrama angelegt, so in den Fragmenten Ein Genussmensch und Ein gefallener Teufel. Zwei Hauptfiguren, in Ein Genussmensch noch mit den sprechenden Namen Welter und Grabau belegt, sollten konkurrierende Weltanschauungen illustrieren.

Aus Welter und Grabau werden schon in Ein gefallener Teufel Keith und Scholz.

 

■ Im endgültigen Stück ist diese ursprüngliche, dualistische Konzeption zwar von anderen Handlungssträngen und Figurenrelationen überlagert, aber immer noch erkennbar;

Wedekind selbst hat sie in verschiedenen Selbstkommentaren unterstrichen (vgl. Kopie)

 

 

3.2.1 Das erste Gespräch zwischen Keith und Scholz (S. 18-25)

 

Marquis von Keith

Ernst Scholz

Früher: »Prügeljunge« (22)

Früher: »Musterknabe« (22)

Bürgerlicher mit falschem Titel

Adliger mit falschem Bürgernamen

In ständiger Finanznot

»ungeheurer Reichtum« (23)

»Ungeheuer an Gewissenlosigkeit« (19)

»übertriebene Gewissenhaftigkeit« (20)

Egoismus: »Man kann seinen Mitmenschen nicht mehr […] nützen, als wenn man in der umfassendsten Weise auf seinen eigenen Vorteil ausgeht«. (S. 19)

Altruismus: »Ich hatte den Vorsatz gefasst, vor allem erst ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden«.

(S. 19)

                                                                         

3.2.2 Das Streitgespräch Keith-Scholz im vierten Aufzug (S. 63-68)

Ironische ›Gleichstellung‹ von Scholz mit Keith durch Scholz' Hinken infolge der Feuerwerksverletzung im dritten Aufzug (vgl. S. 58 f.). Aber ansonsten:

Marquis von Keith

Ernst Scholz

Kein Interesse an Molly (vgl. 64)

Sorge um Molly und ihre Familie (vgl. 64)

»Elastizität« (65)

»Sittlichkeit« (65)

(Vermeintlicher) Gewinn an materieller Freiheit (66)

(Vermeintlicher) Gewinn an geistig-sinnlicher Freiheit (66)

Keine Veränderung in Bezug auf soziale Verantwortung:

»Warum soll man denn durchaus ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden?!« (66)

Keine Veränderung in Bezug auf soziale Verantwortung:

»dass es mir bei all den Genüssen darum zu tun ist, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden« (66)

 

 

3.2.3 Das letzte Gespräch zwischen Keith und Scholz (S. 81-84)

Marquis von Keith

Ernst Scholz

Bitte um finanzielle Hilfe (81)

Verweigerung finanzielle Hilfe (81)

Furcht vor dem Ausgestoßenwerden aus der Gesellschaft wegen Zahlungsunfähigkeit

Freiwilliger Rückzug aus der Gesellschaft auf der Basis des ererbten Vermögens

Rückzug in Privatheilanstalt als »Verrat an der eigenen Person«, Verzicht auf Menschenwürde (82)

Rückzug in Privatheilanstalt als »letzte Pflicht« (82) und Akt der Selbstbefreiung

Vorwurf des Wahnsinns gegen Scholz (85)

Vorwurf des Wahnsinns gegen Keith (85)

 

 

Fazit der Gegenüberstellung Keith – Scholz:

■ Beide bleiben Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft, was ihre Gegensätzlichkeit relativiert; keiner von beiden macht eine ›Entwicklung‹ durch

■ Der Text favorisiert keine der gegensätzlichen Positionen, sondern führt sie in ihrem Scheitern vor: Der Marquis scheitert trotz Zynismus und Gewissenlosigkeit, der vermeintliche Altruismus von Scholz ist einerseits wohlfeil (da auf der festen Basis materieller Unabhängigkeit beruhend), andererseits destruktiv (Verantwortung für das Eisenbahnunglück), sein Rückzug aus der Gesellschaft nur Fortsetzung seiner Rentiersexistenz und damit gesellschaftlich bedingt

■ Beide Figuren verfehlen und verkennen in der Unbedingtheit ihrer jeweiligen Position die Realität, die vom Besitzbürgertum dominiert wird

 

3.3 Der Marquis als Philosoph

 

■ Keith setzt die Macht der Sprache ein, um im Lebenskampf Positionen zu erringen: Er weist Personen neue Namen zu (Sascha, Simba), fixiert Erfahrungen in Lebensweisheiten und löst Situationen in Aphorismen auf

■ Wedekind hat die philosophische Qualität von Keiths Sentenzen durch eine Einzelveröffentlichung von 14 Aphorismen unter dem auf Nietzsche anspielenden Titel

»Also sprach der Marquis von Keith« (in der Zeitschrift Jugend, 1902) unterstrichen.

Beispiele: »Der Mensch wird abgerichtet, oder er wird hingerichtet« (8); »Sünde ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte« (26); »Die Wahrheit ist unser kostbarstes Lebensgut, und man kann nicht sparsam genug damit umgehen« (27); »Das Leben ist eine Rutschbahn« (87) usw.

■ Die geschliffenen, zynischen, materialistischen Aphorismen des Marquis zeigen, wie sehr er die Gesellschaft durchschaut hat; er überschätzt jedoch seine Einsichten, da er glaubt, mit der Erkenntnis der ökonomischen und sozialen Zusammenhänge diese auch zu beherrschen

■ Dafür übersieht er die Konsequenzen, die seine kleinen Unterlassungen haben (mangelnde Buchführung usw.) und dass seine bürgerlichen Mitspieler stillschweigend nach genau den egoistischen Prinzipien handeln, die er so trefflich zu formulieren weiß

■ Gegenüber Keiths Philosophie behält die Gesellschaft nicht Recht, sondern nur die

Oberhand; als Philosoph wird er nicht widerlegt, sondern durch die Handlungen der anderen bestätigt, die das Handeln nach seinen Einsichten jedoch besser verstehen als er

 

 

4. Wedekinds Gesellschaftsanalyse

 

4.1. Gegensätze und Gemeinsamkeiten der Figuren

■ Zentrale Gemeinsamkeit auch kontrastierender Charaktere:

□ Jede Figur unterliegt und unterwirft sich radikal den Gesetzen des Marktes

□ Jede Figur ist ausschließlich an der Durchsetzung eigener Interessen und

Machtpositionen interessiert

□ Jede Figur behandelt alle anderen ausschließlich als Mittel zu eigenen Zwecken

□ Sprache kein Medium der Erkenntnis, sondern Mittel der Interessenlenkung

□ Geld kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck

□ Kunst nicht der Ort des ›Wahren‹, sondern schöne Lüge und  ›Feuerwerk‹

 

 

Der Marquis

Konsul Casimir

Ernst Scholz

›Genussmensch‹

SPIEL

›Gewinnmensch‹

KALKÜL

›Ehrenmensch‹

MORAL

Will alle anderen für den eigenen Aufstieg und die eigenen Kunstvorstellungen funktionalisieren

Will seine finanzielle und gesellschaftliche Machtposition bewahren und ausbauen

Will andere zwingen, sich seinen Vorstellungen von Pflicht und Tugend zu unterwerfen

Analoge Figuren zu ihm:

Die drei Künstler Saranieff, Zamrjaki, Sommersberg

Analoge Figuren zu ihm:

die drei Unternehmer Ostermeier, Krenzl, Grandauer

Analoge Figuren zu ihm:

die drei Angehörigen der Unterschicht Metzgerknecht, Bäckerweib, Packträger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4.2 Intentionen des Autors

 

■ Ziel des Stücks ist nicht die Schaffung psychologisch bruchloser, ›glaubwürdiger‹

Charaktere, ist nicht die Identifikation des Zuschauers/Lesers mit einzelnen Figuren,

ist nicht die Belehrung im Sinne einer bestimmten moralischen Position

 

Statt dessen:

 

›Bühne als Laboratorium‹, als Ort für Analysen und Diagnosen zu den

zeitgenössischen Konstellationen von Kultur und Gesellschaft

Funktional gesteuerte Konstruktion der Figuren im Dienst der analytischen

Darstellung von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen im Spätkapitalismus

 

 

5. Frauenfiguren

■ (Gegenseitige) Liebe als traditionelles Komödienthema bleibt ausgeklammert; auch

 Geschlechterbeziehungen ausschließlich durch Kalkül und Machtanspruch geprägt

 

5.1 Molly Griesinger

■ In ihrem Besitzanspruch genauso radikal wie Ernst Scholz in seinem Moralrigorismus:

»solange du im Elend bist, gehörst du mir« (15)

■ ›Bückeburg‹ kein positives Gegenbild, sondern Gefängnis – zumindest in Keiths Vorstellung (vgl. 79)

■ Destruktive bzw. selbstdestruktive Auswirkung ihrer moralischen Grundsätze

 

5.2 Anna, verwitwete Gräfin Werdenfels

■ Ambitionierte Aufsteigerin; zwei Jahre vor Handlungsbeginn war sie noch

»Verkäuferin in einem Geschäft in der Perusastraße und hieß Huber« (35)

■ Kunst nur als Mittel zum Zweck; »Wagnersängerin« (9) wegen des in München grassierenden Wagner-Fiebers; einmaliger Erfolg aufgrund der spektakulären Garderobe und des schönen Körpers (vgl. 62)

■ Die Geliebte des Marquis von Keith wird aus Kalkül und Gier die Ehefrau des Konsuls

 

 

 

5.3 Simba, eigentlich Kathi

 

■ Laut Regieanweisung »echtes Münchner Mädel, mit frischen Farben« (46),

scheinbares ›Naturkind‹

■ Ohne Moral, auf Genuss gestellt; dieser Genuss ist jedoch gesellschaftlich

produziertes Vergnügen:

»Ich bin fein net für die Sozialdemokraten. Die san mir z’ moralisch! Wann

die amal z’ regieren anfangen, nachher da is aus mit die Champagnersoupers« (48)

■ Zurückweisung der ihr von Scholz zudiktierten Rolle einer »Märtyrerin der

Zivilisation« (47), ein Begriff, der der sozialdemokratisch-naturalistischen Sicht der

Prostituierten als Opfer doppelbödiger bürgerlicher Moral entspricht

 

 

Zugrundegelegte Literatur:

Seitenangaben sind bezogen auf die Reclam-Ausgabe.

 

Primärliteratur:

Frank Wedekind: Werke. Kritische Studienausgabe. Bd. 4. Hrsg. von Elke Austermühl.

Darmstadt 1994.

 

Sekundärliteratur:

Elke Austermühl: Münchner Szenen im Marquis von Keith. In: Text+Kritik Heft 131/132: Frank Wedekind, Juli 1996, S. 70-83.

Burghard Dedner: Intellektuelle Ilusionen. Zu Wedekinds Marquis von Keith. In: ZfdPh 94 (1975), S. 498-519.

Wolfgang Kuttenkeuler: Der Außenseiter als Prototyp der Gesellschaft. Frank Wedekind: Der Marquis von Keith. In: Fin de siècle. Zu Literatur und Kunst der Jahrhundertwende. Hrsg. von Roger Bauer u.a. Frankfurt/M. 1977, S. 567-595.

Frank Wedekinds Maggi-Zeit. Reklamen/Reiseberichte/Briefe. Hrsg. und kommentiert von Hartmut Vinçon. Darmstadt 1995.

Günter Seehaus: Frank Wedekind. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 72000.

Jörg Schönert: Tausch und Täuschung als Grundmuster gesellschaftlichen Handelns in Der Marquis von Keith. In: Text+Kritik Heft 131/132: Frank Wedekind, Juli 1996, S. 84-98.