Landesinstitut für Pädagogik und Medien Saarland
Landesinstitut für Pädagogik und Medien



Alex Deutsch

Trauer über den Tod von Alex Deutsch:

Der am 7. August 1913 in Berlin geborene und seit vielen Jahren in Neunkirchen lebende Auschwitz-Überlebende Alex Deutsch ist am 9. Februar 2011 nach kurzer, schwerer Krankheit in seinem 98. Lebensjahr verstorben. In über 500 Veranstaltungen, vornehmlich in Schulen und vor Organisationen, hat der jüdische Überlebende von seinen schrecklichen Erfahrungen im  NS-Konzentrationslager-System berichtet. In Auschwitz wurden seine Ehefrau und sein damals zweijähriger Sohn ermordet, er selbst überlebte Zwangsarbeit in Auschwitz und anderen Lagern und zuletzt den Todesmarsch. Immer wieder warnte Alex Deutsch vor einem Widererstarken des Rechtsextremismus und sprach sich gegen jede Form von Hass und Intoleranz aus. Alle 22 saarländischen Schulen ohne Rassismus, die von Alex Deutsch viel gelernt haben, wie die Landeszentrale für politische Bildung, trauern um diesen einzigartigen Streiter für Demokratie und Toleranz. Für seine unermüdliche Arbeit erhielt Alex Deutsch, Namensgeber für die nach ihm benannte Alex-Deutsch-Schule in Wellesweiler, 1986 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2002 den Saarländischen Verdienstorden und 2007 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. 

undefinedPressemitteilung der Initiative Neue Bremm

Sehen Sie hier auch einen Überblick der erschienenen
undefinedPressemeldungen zum Tod von Alex Deutsch.




Alex Deutsch:

"Ich habe Auschwitz überlebt."

 


Impressum

Herausgeber: Saarpfalz-Kreis
Am Forum
66424 Homburg
Telefon (0 68 41) 104-436
Befragung, Bearbeitung, Redaktion: Dr. Bernhard Becker - Amt für Heimat- und Denkmalpflege -
Druck: Buch- und Offsetdruckerei F. X. Demetz, St.Ingbert, Telefon (0 68 94) 25 31
Bezugspreis:5.- DM
Titelbild: Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Auschwitz-Birkenau.
Nachdruck und auszugsweise Wiedergabe nur mit Genehmigung und Nennung des Autors und des Herausgebers.
ISBN 3-9801611-3-7


Vorwort

Bereits seit Jahren sucht der Auschwitz-Überlebende Alex Deutsch die Begegnung insbesondere mit jungen Menschen und besucht mehrmals wöchentlich Schulklassen, um von seinem Leben und von Auschwitz zu berichten. Die Kinder und Jugendlichen sollen wissen, was geschehen ist und auch wie er überleben konnte. Deren Väter und Großväter haben ihnen vielleicht vom "Krieg" erzählt, Auschwitz aber verschwiegen. Bei seinen Begegnungen mit Heranwachsenden schildert Alex Deutsch, zu welchen Ungeheuerlichkeiten menschenverachtender Haß führen konnte und auch heute noch kann. Dabei wird die Frage der Schuld keinesfalls ignoriert, sie steht aber nicht im Vordergrund. Alex Deutsch will nicht Schuld zuweisen, er will zur Aussöhnung beitragen. Diese Einstellung bewahrt ihn auch vor Verbitterung.

Sowohl sein Schicksal als auch sein Engagement für Aussöhnung unter den Menschen bewirken Betroffenheit bei der jungen Generation, die sicherlich keinen adäquateren Zugang zu einer Phase der deutschen Geschichte finden kann, die nach wie vor in der Bevölkerung eher verdrängt als aufgearbeitet wird.

Bei der Verleihung des Siebenpfeiffer-Preises im November 1994 an den medienbekannten Journalisten und Publizisten Ralph Giordano, dessen Familie mit Mühe in ihrer Heimatstadt Hamburg dem Holocaust entging, lernte ich Alex Deutsch kennen. Bald danach vereinbarten wir, seinen Lebensweg zu Papier zu bringen.

Mit Beklommenheit nahm ich den ersten Gesprächstermin in Neunkirchen-Wiebelskirchen wahr, wo der gebürtige Berliner Alex Deutsch seit seiner Rückkehr nach Deutschland wohnt. Das Konzentrationslager Auschwitz war mir zwar von Fernsehbeiträgen und Publikationen her bekannt, aber auf eine direkte Weise war ich bislang noch nicht mit dem Holocaust konfrontiert gewesen: Wie konnte man als KZ-Häftling diesen Wahnsinn überleben und danach weiterleben?

Ohne Umschweife begann Alex Deutsch zu erzählen. Ich stellte zu meinem Entsetzen fest, daß Auschwitz zwar seine entsetzlichste Lebensphase war, er aber von weiteren tragischen Ereignissen nicht verschont blieb. Schon früh als Heimkind, später, zu Kriegsende, als Jude deutscher Staatsangehörigkeit und zuletzt als Weißer in Amerika widerfuhren ihm bitteres Leid und grausame Ungerechtigkeit.

Alle Geschehnisse sind Alex Deutsch gegenwärtig. Sie sind für ihn wohl so bedrückend, daß es ihm schwerfällt, sie selbst aufzuschreiben. Er zieht es vielmehr vor, davon zu erzählen. Dies ist sicherlich seine Art der Vergangenheits- und Lebensbewältigung.

Bernhard Becker


 

"Ich habe vergeben, aber vergessen kann ich es niemals."

 

Alex Deutsch

"Ich habe Auschwitz überlebt."

 

Familie

Ich, Alex Deutsch, wurde am 7. August 1913 als achtes Kind der Eheleute Josef und Rosa Deutsch geboren. Die Familie lebte damals in einer bescheidenen Dachwohnung in der Frankfurter Allee in Berlin. Mein Vater war von Beruf Schneider und fertigte vornehmlich Theaterkostüme an. Mit seinen Einkünften konnte er seine zehnköpfige Familie gut ernähren. Meine Geschwister hießen Ilona (geb. 1902), Bela (geb. 1904), Zoltau (geb. 1905), Therese (geb. 1907), Herrmann (geb. 1908), Ignatz (geb. 1910) und Moritz (geb. 1911). Mit sechs Jungen und zwei Mädchen war unsere Familie auch für die damalige Zeit kinderreich.

Mein Vater (geb. 07.04.1874) war kaisertreu. Kaiser Wilhelm II., selbst Vater von sechs Söhnen, hatte allen seinen Untertanen die Patenschaft für den siebten Sohn versprochen. Ich bin mir sicher, daß mein Vater sich um eine solche kaiserliche Patenschaft - ohne Rücksicht auf die Gesundheit seiner Ehefrau und die Lebensverhältnisse seiner Familie - bemüht hätte.

Gleich zu Beginn des Krieges 1914 wurde er zur Reichswehr eingezogen. Aus diesem kehrte er schwer verwundet zurück und wurde als Pflegefall in ein Krankenhaus eingeliefert, welches er bis zu seinem Tod am 09.04.1922 nicht mehr verließ. Daher blieb mir mein Vater fremd.

Meine Mutter Rosa, geb. Hahn, stammte aus Ungarn. Sie war teilweise gelähmt. Sie erzählte uns Kindern, diese Behinderung sei auf ein Eisenbahnunglück zurückzuführen. Ich vermute jedoch, daß sie an Polio erkrankt war. Meine Großeltern, sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits, kenne ich nicht. Ich weiß lediglich, daß sie Westjuden waren. Woher sie kamen, wie sie gelebt und gearbeitet haben, ist mir bis heute völlig unbekannt.

Mit der Einberufung unseres Vaters begann für uns das Elend, und wir lebten seither in erbärmlichen Verhältnissen in der Landsberger Straße in Berlin-Mitte. Damals gab es keine staatlichen Hilfen wie heute. Deshalb ernährten wir uns unter anderem von Obst und Gemüse, das wir Kinder in den großen Markthallen sammelten. Es war nicht mehr verkäuflich, aber die Mutter bereitete uns davon immer noch eine Mahlzeit zu.

Die einzige Unterstützung, die meiner Mutter gewährt wurde, war die Aufnahme meines jüngsten Bruders Moritz und von mir in ein jüdisches Waisenhaus (Pankow, Berliner Straße 120/121) im Jahr 1923. So brach zeitweise die Beziehung zu meiner Familie ab.

 

 

Alex Deutsch 14.1.1928

Waisenhaus

Das "2. Waisenhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin", in welches eine Schule wie auch ein Tempel integriert waren, war dreistöckig: Im Erdgeschoß befanden sich die Klassenzimmer sowie der Speise- und Aufenthaltsraum, im Obergeschoß die Schlafräume mit jeweils 30 Betten, die Schlaf- und Wohnräume der Lehrer und im Dachgeschoß die Schneiderstube, die Wäschekammer wie auch die Direktorenwohnung.
Von den 120 - 150 Kindern im Alter von 6 - 14 Jahren, die aus hygienischen Gründen kahlgeschoren waren, wurden Disziplin und Selbständigkeit verlangt. Der Tagesablauf war durch einen Zeitplan festgelegt: Nach dem Glockenläuten um 6.30 Uhr mußten die Kinder sich waschen und die Betten machen. Danach hatten sie sich zu einem Gebet in deutscher Sprache im Flur aufzustellen. Um 7.30 Uhr gab es im großen Speisesaal Frühstück. Zwischen 8.00 und 12.00 Uhr war Schulunterricht, der sich nur auf die drei Hauptfächer Lesen, Schreiben (in deutscher Sprache) und Rechnen beschränkte. Zwischen 12.00 und 13.00 Uhr wurde das Mittagessen eingenommen. Anschließend war gruppenweise Abwaschdienst in der Küche. Nachmittags wurden im Aufenthaltsraum die Hausaufgaben gemacht, danach war Zeit für Spiele. Um 19.00 Uhr wurde das Abendessen eingenommen. Diesem folgte noch ein Abendgebet ebenfalls in deutscher Sprache.
Von meiner Familie getrennt, litt ich in dieser Zeit sehr und war in mich selbst verschlossen. Dies wirkte sich auch nachträglich auf meine schulischen Leistungen aus. Die Lehrer, die ebenfalls im Waisenhaus wohnen mußten, waren sicherlich nicht allzu streng, aber sie gaben mir kein Selbstvertrauen. Im Gegenteil: Für alles, was schief ging, machten sie mich zum Sündenbock. Immerhin bestand sonntags die Möglichkeit, die Familie zu besuchen, aber der Zwang, sich abends wieder verabschieden zu müssen, war eine Qual.

 

Lehre

1928 wurde mir eine dreieinhalbjährige Lehre zum Bäcker vermittelt. Ich wäre viel lieber Friseur geworden, wohl weil dieser in ständigem engen Kontakt zu seinen Kunden steht. Nach meinem Berufswunsch wurde jedoch nicht gefragt, zumal mit der Annahme der Bäckerlehre auch ein Platz im Heim frei wurde. Mein Meister hieß Alfred Drexler, ein Deutscher, aus Thüringen stammend. Er betrieb gemeinsam mit seiner Ehefrau am Petersburger Platz eine kleine Bäckerei, die er 1931 an Alfons Kunz weiterverkaufte. Im ersten Lehrjahr verdiente ich 50 Pfennige, im zweiten 1 RM und im dritten Lehrjahr 1,50 RM. Der Brotpreis betrug damals 27 - 29 Pfennige.

Um 4.30 Uhr in der Frühe hatte ich aufzustehen und die Backstube vorzubereiten. Entsprechend der vorliegenden Zettel hatte ich Mehl, Butter und Zucker abzuwiegen und am Mehltrog bereitzustellen. Wenn ich gelegentlich anschließend beim Teigkneten einschlief, weckte mich unsanft der Tritt des Bäckermeisters. Danach hatte ich als Laufbursche die bestellten Brötchen - auch am Schultag - zu verteilen. Nach Mittag durfte ich mich ausruhen, bevor ich die Backstube säubern mußte. Um 21.00 Uhr mußte ich für den nächsten Morgen die Backöfen vorheizen. Besonders die abendliche Tätigkeit fiel mir schwer, weil es mir dadurch verwehrt war, mit Gleichaltrigen auszugehen. Es tat weh zu wissen, daß andere das Kino besuchten, während ich allein in der Backstube arbeiten mußte.

Die Bäckerei, der Laden und auch die Wohnung waren in ein sechsstöckiges Mietshaus integriert. Der Vorraum der Backstube war eine Kammer mit Regalen, auf welchen zahlreiche Tröge und Töpfe mit Marmelade und Crème standen. Während der Arbeit hielten sich der Meister, seine Frau und ich hier auf. In der Nische stand ein Bett, in dem ich schlief. Ich war für den Bäcker eine reine Arbeitskraft, die ihm Gehorsamkeit und Respekt entgegenzubringen hatte. Familiärer Anschluß war unerwünscht, und Widerspruch wurde nicht geduldet. Ich bekam viele Schläge. Oft war ich verzweifelt und wollte am liebsten alles "hinschmeißen". Das tat ich aber nicht, da ich viel zu viel Angst vor dem Bußgeld hatte. Ich war nämlich an einen Ausbildungsvertrag gebunden, der im Falle eines Abbruches die Zahlung eines hohen Strafgeldes vorsah. Wer sollte das bezahlen? Meiner Mutter, die dafür sicherlich auch kein Verständnis aufgebracht hätte, hätte ich dies keinesfalls zumuten können. Nach dem Ende meiner Lehre behielt ich meine Arbeit, konnte aber immerhin zu Hause wohnen. Mein Leben war erträglicher geworden.

Den stumpfsinnigen Befehl-Gehorsam-Mechanismus, der ja keine Menschlichkeit duldet, hatte ich in den langen Jahren im Waisenhaus und in meiner Lehre längst verinnerlicht. So irrsinnig es sich anhört, dies half mir gleichwohl im Konzentrationslager zu überleben. Ich hatte gelernt, mich widerspruchslos anzupassen.

 


Die Dreißiger Jahre

Der 30. Januar 1933 war für mich kein epochales Ereignis. Ich glaubte vielmehr an einen schnell vorbeigehenden gräßlichen Spuk, waren doch viele deutsche Mitmenschen in Berlin anders als die Parteileute von der NSDAP.

Niemals, niemals glaubte ich daran, daß in Deutschland Deutsche vernichtet werden, nur weil diese Juden sind! Ich hoffte immer auf eine Wende, auch dann noch, als ich selbst bei einer jüdischen Vereinigung mithalf, die Auswanderung von Kindern ins Ausland zu organisieren. Jugendliche wurden vor Erwachsenen oder gar Älteren von den Aufnahmeländern bevorzugt, da sie noch unverbrauchte Arbeitskräfte waren. Es spielten sich immer wieder tragische Abschiedsszenen ab, wenn sich Kinder, mitunter erst vierjährig, von ihren Eltern trennten.

In dieser jüdischen Vereinigung lernte ich meine Frau kennen: Thea Cohn, geb. am 18.12.1913 in Czempin, Kreis Kosten, in Polen. Sie war in einem Büro tätig. Wir heirateten am 29. Juni 1938 (Abb. 2). Nach dem nur knapp fünf Monate später sich ereignenden Pogrom, der sogenannten Reichskristallnacht, vom 9. auf den 10. November des gleichen Jahres, wäre ich keine Ehe mehr eingegangen. Ihre Eltern Philipp Cohn, geb. am 26.10.1881, und Louise, geb. Silberstein, geb. am 10.07.1879, wie auch ihre Geschwister Hertha, geb. am 18.12.1919, und Siegbert, geb. 18.04.1921, wurden später im Konzentrationslager Auschwitz ermordet


Wir wohnten bei den Schwiegereltern in der Urbanstraße 188 in einem Zimmer. 1935 erließ die Reichsregierung unter dem Vorwand, Juden könnten Deutsche vergiften, eine Verfügung, in welcher allen Juden die Arbeit im Nahrungsmittelgewerbe verboten wurde (Abb. 3). Danach arbeitete ich als Laufbursche, trug Vertretern den Koffer, reinigte die Straße und räumte im Winter Schnee weg. 1937 war ich zwangsverpflichtet bei einem Bauunternehmen tätig, das in der Wilhelmstraße, im Berliner Diplomatenviertel, Häuser abriß, um für den Bau des Reichsluftfahrtministeriums und der Reichskanzlei Gelände zu erhalten. Juden durften allerdings nur beim Abriß eingesetzt werden.

Inzwischen hatten bereits einige meiner Geschwister Deutschland verlassen. Schon früh, 1923, war Bela, Schlosser von Beruf, in die USA ausgewandert. Dem ältesten Sohn war wohl die Bürde, der großen Familie den Vater zu ersetzen, zu schwer. Ihm war Moritz, ebenfalls Schlosser von Beruf, 1936 gefolgt. Meine in einem Büro tätige Schwester Ilona, die einen Kommunisten zum Freund hatte, hatte 1934 in Rußland Zuflucht gesucht. Im Jahr 1938 stellten Herrmann, Verkäufer von Beruf, seine Frau, unsere Mutter und ich einen Ausreiseantrag. Das amerikanische Konsulat verlangte Bürgschaften, die generell auf vier Personen begrenzt waren. Als während der langen Bearbeitungszeit unseres Antrages am 25. Januar 1939 Herrmanns Sohn Jakar geboren wurde, trat ich zurück und blieb in Deutschland. Die Familie meines Bruders und unsere Mutter konnten Deutschland noch verlassen. Danach gab es keine legalen Ausreisemöglichkeiten mehr.

Seit dem Pogrom lebten Ignatz, der wie unser Vater Schneider gelernt hatte, und seine Frau, eine Sinti, in den Grenzregionen Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs, um bei drohender Gefahr möglichst rasch die Grenze überschreiten zu können. Therese ("Resi"), die 1935 einen Arier geheiratet hatte, überlebte mit den Kindern auf dem ostpreußischen Gut ihrer Schwiegereltern.

Zoltau ("Sali"), auch Schlosser von Beruf, blieb mit seiner aus Galizien stammenden Ehefrau und seinen vier Kindern im jüdischen Ghetto von Berlin, 1939/40 wurde er ins Warschauer Ghetto deportiert. Sie wurden alle in Trawniki getötet.

Um die Jahreswende 1938/39 mußte ich Zwangsarbeit in der Kohlenfirma Ludwig verrichten. Jeweils in Gruppen von vier Personen aufgeteilt, luden wir auf dem Güterbahnhof Kohle von den Waggons auf Lkw's um. Diese fuhren die Kohle entweder auf den Ladeplatz oder direkt zu großen Häusern mit Zentralheizung. Der Chef des Fuhrunternehmens war ein hoher SS-Charge, aber er war verträglich. Er sorgte dafür, daß auch wir Juden die "Schwerstarbeiterzulage" erhielten. Vor allem versprach er uns, uns solange als Arbeiter zu behalten, wie es ihm möglich sei. Er verstand es auch, einen Austausch gegen Zwangsarbeiter, die nur halb so schnell wie wir arbeiteten, zu verhindern. Wir schufteten allerdings Tag für Tag bis zu unserer Erschöpfung zehn, elf, zwölf Stunden lang. Der Chef sollte zufrieden sein. Demjenigen Juden, der entlassen wurde, drohte der Transport ins Konzentrationslager. An physische Vernichtung glaubte ich damals immer noch nicht.

Auch zu Hause galt unsere Sorge, niemandem Anlaß zu Klagen zu geben. So waren unsere Fenster auch tagsüber verdunkelt. Wir gingen auch nie aus. Denn wir wollten nicht auffallen.


Am 12. Oktober 1940 wurde unser Sohn Dennis geboren (Abb. 4). Trotz aller Bedrohungen und Diskriminierungen, die wir Juden bis zu Kriegsbeginn erleiden mußten, bedeutete die Geburt meines Kindes für mich keine weitere Belastung, sondern sie gab mir Hoffnung. Zu unserer Freude legten unsere deutschen Nachbarn, auf die Gefahr hin, wenn man sie dabei erwischte, ins Gefängnis oder ins KZ zu kommen, immer wieder nachts heimlich etwas vor unserer Tür ab: Nahrungsmittel, Süßigkeiten, Kleidungsstücke. Babykleider waren für uns nicht erwerbbar. Nur zur erlaubten Einkaufszeit für Juden von 17.30 Uhr bis 18.30 Uhr ging meine Frau aus dem Haus. Des öfteren hatte sie auch, als sie zurückkam, eine Extra-Portion in ihrer Einkaufstasche. Diese Geschenke halfen uns nicht nur materiell. Sie waren auch Zeichen für das Gute in Deutschland.

Verhaftung

Gegen Mittag des 27. Februar 1943 wurden wir ohne Angabe von Gründen bei der Entladung von Lkw's am Arbeitsplatz von SS-Leuten verhaftet. Mit dem Gesicht zur Wand und hochgehaltenen Händen mußten wir solange warten, bis der letzte Arbeitstrupp eingetroffen war. Danach wurden alle auf Lkw's auf einen von mehreren Sammelplätzen in Berlin gebracht. Diese Aktion dauerte zwei Tage. Am 1. März wurden wir in Güterwaggons abtransportiert. Dieser 33. Berlin-Osttransport kam in der Nacht vom 3. auf den 4. März mit ca. 1730 Personen in Auschwitz-Birkenau an. Um keine Unruhe aufkommen zu lassen, versprachen die SS-Männer, uns mit unseren Familien zusammenzuführen.

 

Vergasung der Familie

In der Nacht zuvor waren meine Frau und mein knapp zweieinhalbjähriger Sohn mit ca. 1750 Personen im 32. Osttransport ins gleiche Konzentrationslager gebracht worden. Da sich meine Frau wohl nicht von ihrem kleinen Kind trennen wollte, wurden sie beide gleich in die Gaskammer geschickt. Davon habe ich nach etwa 14 Tagen nach meiner Ankunft auf geheimen Informationswegen erfahren. In diesem Augenblick fühlte ich Haß und schwor Rache. Dafür wollte ich überleben!

 

Aufnahme in Auschwitz-Monowitz

Nach der Ankunft des Zuges in Auschwitz-Birkenau wurden wir bereits auf der Rampe selektiert: Männer auf die eine, Frauen und Kinder auf die andere Seite. Diejenigen, die zum Verlassen der Waggons zu schwach waren, mußten wir liegen lassen. Bei den niedrigen Temperaturen erfroren sie rasch.

Danach wurden die Männer, die nicht ihren Namen, sondern lediglich ihr Alter und ihren Beruf anzugeben hatten, nochmals selektiert. Der Daumen des SS-Mannes nach links bedeutete Arbeitslager, der Daumen nach rechts Gaskammer. Aber das wußte ich damals nicht. Die "arbeitsfähigen" Männer, zu denen auch ich gehörte, wurden wiederum auf Lkw's zum Arbeitslager Auschwitz-Monowitz, dem Arbeitslager der IG-Farben Chemie, transportiert. Vor dem Block aufgestellt, begrüßte uns der Block- älteste: "Ihr wißt, weshalb ihr hier seid: Vernichtung durch Arbeit. Solange ihr arbeitet, werdet ihr leben. Ansonsten kommt ihr nicht mehr lebendig hier raus." Nachdem wir uns in der Kälte entkleidet und unsere Habseligkeiten auf einen Haufen geworfen hatten, wurden wir von anderen Häftlingen desinfiziert, abgebraust und am ganzen Körper kahlgeschoren. Schließlich wurden uns Nummern eintätowiert. Ich war seither die Nummer 105613, den Menschen mit dem Namen Alex Deutsch gab es nicht mehr. Auf die blauweiß gestreifte Häftlingskleidung mit dem Judenstern wurde die Nummer ebenfalls aufgetragen. Zum Schluß wurden wir in Arbeitskommandos eingeteilt und uns die Baracken, in welchen dreistöckige Betten standen, zugewiesen.

 

Tagesablauf

Neben Auschwitz I, Birkenau II und Monowitz III gab es hier insgesamt 40 Nebenarbeitslager, die von allen großen Firmen und Unternehmen in Deutschland unterhalten wurden, wie ich später erfuhr. Im Lager Monowitz waren zwischen 10.000 - 12.000 Häftlinge gefangen. Aus Griechenland, Frankreich, Belgien, aus allen besetzten Staaten wurden hier Juden und Sinti zusammengepfercht. Für die nichtdeutschsprachigen Häftlinge war die Situation besonders dramatisch. Denn, wenn sie einen Befehl nicht verstanden, wurden sie allzu häufig wegen "Befehlsverweigerung" totgeschlagen.

Um 4.30 Uhr mußten die Häftlinge aufstehen und ihre Betten machen. Diese mußten wie "eine Kiste" glatt und kantig gezogen sein, ansonsten gab es Strafe. Da die Beurteilung im willkürlichen Ermessensspielraum des Blockältesten stand, war jederzeit die Möglichkeit zur Schikane gegeben. Da die Kapos das Vorrecht hatten, sich als erste zu waschen, war selten für uns Gelegenheit, sich zu reinigen. Infolge dieser hygienischen Zustände waren wir um so anfälliger für Krankheiten. Die Lager- und Blockältesten sowie die im Lager in verschiedenen Abteilungen gebrauchten Arbeitskräfte verblieben im Lager. Die Kapos begleiteten uns in das Industriegelände der Buna-Werke. Sie trieben uns während der Arbeit an und schlugen auf uns ein. Diese Kapos waren Helfershelfer der SS, sie waren Kriminelle und kamen aus Zuchthäusern und Gefängnissen ins KZ. Sie hatten die Aufgabe, uns zu bewachen, und dadurch viele Vorrechte. Ohne Rechenschaft abzulegen, konnten sie uns zu Tode schlagen.

Um 5.00 Uhr standen wir blockweise - ein Block bestand aus 100 - 150 Häftlingen - auf dem Appellplatz, auf welchem vom Blockältesten die Anzahl der Angetretenen, der Toten, Kranken und nicht mehr Arbeitsfähigen festgestellt wurde. Die Toten wurden auf einer Ecke des Platzes aufgeschichtet. Sie wurden täglich von einem Lastwagen abgeholt und zur Verbrennung in die Krematorien nach Auschwitz-Birkenau gebracht, ebenso auch die meisten nicht mehr arbeitsfähigen Häftlinge. Allein in dem Lager der IG-Farben in Monowitz kamen von 1942 bis 1945 ca. 32.000 Häftlinge zu Tode. Das war die angekündigte Vernichtung durch Arbeit.

Danach wurden wir in Arbeitskommandos in einer Größenordnung von 20 - 30, gelegentlich auch von 60 - 80 Häftlingen eingeteilt. Ich gehörte dem Arbeitskommando 85 an, das nach Bekanntgabe des Marschbefehls vom Kapo auf das Industriegelände der IG-Farben geführt wurde. Beim Ausmarsch am Lagertor mußte der Kapo immer melden: Kommando 85 mit 40 oder mehr Häftlingen, und abends beim Einmarsch das gleiche. Auf dem Industriegelände übernahm uns ein ziviler Vorarbeiter namens Josef Ungeheuer. Er kam aus der schlesischen Stadt Bielitz-Nußdorf und sprach ebenso deutsch wie polnisch. Unsere Arbeit bestand in der Entladung von Güterwaggons: So hatten wir Maschinen, Maschinenteile, Rohre zu entladen, die zuweilen einen solch großen Durchmesser hatten, daß wir, ohne uns krümmen zu müssen, sie durchlaufen konnten. Da uns keine Maschinen zur Verfügung standen, mußten wir alles von Hand machen. Wir mußten auch Maschinen und Material dorthin transportieren, wo es gebraucht wurde. Wir entluden auch Zement und Ziegelsteine. Ansonsten huben wir Gräben aus, in welche Rohre verlegt wurden.

Der zivile Vorarbeiter verbot während der Arbeit den Kapos, uns zu schlagen. Wäre dabei ein Maschinenteil zerbrochen, hätte man es ihm nämlich als Sabotage angekreidet. Damals blieb mir unklar, ob dies aus menschlichem Mitgefühl oder menschenverachtender Zweckrationalität geschah. Um dies zu klären, nahm ich später Kontakt mit ihm auf und merkte, daß er uns wirklich helfen wollte. Es blieb uns während der Arbeitszeit die Qual, von den Kapos willkürlich verprügelt zu werden, erspart. Da wir tagsüber bei der Arbeit keine Nahrung bekamen, ließ er uns heimlich etwas zukommen, und das war für uns eine große Hilfe zum Überleben. Nicht wenige Häftlinge wurden in den anderen Arbeitskommandos von den Kapos totgeschlagen. Diese Toten wie auch diejenigen, die abends zum Marschieren zu schwach waren, mußten wir ins Lager zurücktragen. Beim Abendappell hatte die gleiche Anzahl wie am Morgen vorhanden zu sein.

Unter diesen brutalen Umständen hegten viele Fluchtgedanken, ich niemals, denn meine fehlenden polnischen Sprachkenntnisse hätten mich auf der Flucht verraten. Im Falle eines Fluchtversuches eines Häftlings hatten wir solange auf dem Appellplatz auszuharren, bis dieser gefaßt worden war. Er wurde in den Bunker gesteckt, das war eine Kiste, in der er zusammengekauert übernachtete. Diese Strafe war weiterhin bei Schmuggel, Beleidigung von Zivilpersonen und Einbruch in die Vorrats- oder Kleiderkammer vorgesehen. Sonntags mußten wir im Anschluß an die Arbeit, die um 12.00 Uhr beendet war, auf dem Appellplatz antreten. Es wurden diejenigen aufgerufen, die sich während der Woche etwas zuschulden haben kommen lassen. Zur Strafe wurden sie vor aller Augen aufgehängt oder auf dem Bock mit 10, 20, 30 Schlägen traktiert; manchmal auch solange, bis der Tod eintrat.

Mich forderte einmal der Blockälteste auf, Buschzweige ins Lager einzuschmuggeln, um aus diesen einen Besen anzufertigen. Die mangelnde Sauberkeit des Blocks wurde immer zum Anlaß für Schikanen genommen. Der Blockälteste hatte mir einen Essenszuschlag versprochen. Nachdem ich bei diesem Schmuggel erwischt worden war, wurde auch ich zur Bockstrafe verurteilt. Nach den Stockhieben war meine Haut an vielen Stellen aufgeplatzt, so daß Infektion und damit der Tod drohten. Vor Infektion hatten wir alle große Angst. Es gab zwar im Lager einen Krankenbau, aber nur selten verließen diesen die Patienten lebend. Bekannt war, daß dort viele Versuche unternommen wurden. Ich verfügte zur Verpflegung meiner Wunden nur über ein Heilmittel, meinen Urin.

Ich bat - nicht nur in diesem angeschlagenen Zustand - Gott, mir die Kraft zum Überleben zu geben. Ihm dankte ich für die Härte meiner Jugend, die mich die Qualen des KZ's ertragen ließ. Der Glaube ist die Stärke des Menschen. Wer verzweifelte, starb. Ich aber wollte leben, überleben. Jeden Morgen hoffte ich, den Abend zu erleben. Jeden Abend hoffte ich, den Morgen zu erleben.

Im Lager hatte sich ein Schwarzmarkt entwickelt, der durch die Sonderkommandos eingerichtet worden war. Die neuen Häftlinge mußten bei ihrer Ankunft im KZ ihren Schmuck, Ringe, Broschen, Ketten sowie Uhren und auch Geld abgeben. Dabei gelang es den Sonderkommandos, die selbst Häftlinge waren, solche Wertgegenstände heimlich an sich zu nehmen und sie an die Arbeitskommandos weiterzugeben, die zu Zivilpersonen Kontakt hatten. Im Tausch erhielten so die Häftlinge zusätzliche Nahrungsmittel wie trockenes Brot, Zwiebeln, Knoblauch. Auf diesen Schmuggel stand zwar die Todesstrafe, die angesichts der täglichen Lagerration aus einem Liter Suppe und 300 Gramm Brot, bei der man aber nach zwei, drei Monaten den Hungertod starb, ihre Bedrohlichkeit verloren hatte. Zum Überleben waren die Hälftlinge auf diese Sonderrationen angewiesen. Jeden Monat wurde ein Arbeitskommando nahezu ganz mit neuen Häftlingen aufgefüllt.

 

Der Todesmarsch

Am 18. Januar 1945 mußten wir am Spätnachmittag entgegen dem sonst üblichen Tagesablauf auf dem Appellplatz antreten. Bevor Befehl zum Verlassen des Lagers gegeben wurde, wurde selektiert. Die zur Arbeit nicht mehr Fähigen blieben im Lager zurück. Was mit diesen Menschen geschah, weiß ich nicht. Den Grund für den dreitägigen Marsch in Richtung Gleiwitz kannten wir nicht. Trotz der Bombardierungen, die auch von uns nicht unbemerkt blieben, waren wir über den aktuellen Stand der militärischen Ereignisse vollkommen uninformiert. Da die Brutalität von seiten der KZ-Führung gegen Ende des Jahres 1944 etwas gemindert worden war, ahnten wir allenfalls etwas von den Kriegsgeschehnissen.

Der Marsch nach Gleiwitz war für viele der Todesmarsch. Von Hunger und Kälte entkräftet, waren sie den Anstrengungen nicht mehr gewachsen, brachen zusammen und wurden noch auf der Chaussee erschossen.

Nach der Ankunft am Abend in Gleiwitz wurden wir auf Güterwaggons verladen und nach Buchenwald transportiert. Dies dauerte immerhin bis zum 26. Januar. Vor der erneuten Zuweisung zu Blocks wurden wir in Desinfektionsräume geschickt. Alle hatten entsetzliche Angst, es könnten die todbringenden Gaskammern sein, von denen wir nunmehr wußten. Hatte ich so viele Brutalitäten überlebt, um doch noch zuallerletzt das Schicksal meiner früheren Mithäftlinge zu erleiden? Ich hielt die Luft an, bis aus den Duschen Wasser strömte. Die Gefühle der Todesfurcht in diesen Sekunden kann ich nicht beschreiben.

Ich wußte damals nicht, daß ich eine neue Nummer bekam, die allerdings nur in Büchern und nicht auf meine Haut eingetragen wurde. Vom 9. bis zum 13. Februar wurden wir nach Halberstadt-Zwieberge versetzt. Zahlreiche Fliegerangriffe zogen diesen Transport in die Länge. Auch unser Transport war einem Luftangriff ausgesetzt, bei dem es viele Verletzte gab. Nachdem das Begleitpersonal die Türen geöffnet hatte, sprangen auch wir Häftlinge aus den Waggons heraus. Die Kampfpiloten nahmen nunmehr wahr, daß es sich um einen Häftlingstransport handelte, und ließen von einem zweiten Angriff ab. In Halberstadt angekommen, mit Toten und Verletzten, wurden wir zu Sprengungen in den Bergen eingesetzt, um Lagerhallen für die Wunderwaffen V1 und V2 zu gewinnen.

Seit dem 19. März lag Magdeburg unter schweren Bombardierungen. Deshalb wurden wir in dieser Stadt zu Aufräumungsarbeiten auf Straßen und Gleisen eingesetzt. Bewacht wurden wir nicht mehr von SS-Leuten, sondern vom Volkssturm. Uns begleitete ein älterer Reichswehrsoldat, der uns erstmals vom Zusammenbruch der Ostfront berichtete. Ferner habe die SS bereits ihre Uniformen ausgezogen und laufe in Zivil umher. Zurückweichende Soldaten sowie die immer rascher sich auflösende Ordnung und Kontrolle in unserem Lager, in das wir noch jeden Abend geführt wurden, bestätigten uns diese Aussagen. Ich faßte auch in diesen Tagen Mut, um den uns bewachenden Reichswehrsoldaten zu fragen, was mit ihm geschehe, wenn wir uns abends in den Trümmern versteckten und nicht mehr ins Lager zurückkehrten. Er erwiderte: "Ja, das geht in Ordnung, weil am Tor keine Kontrollen mehr gemacht werden. Die Kommandos gehen raus und abends rein, und es ist keiner mehr da, der abzählt, wieviel da kommen."

Als am 15. April Alarm gegeben wurde und die SS flüchtete, versteckte ich mich mit drei Kameraden in Trümmern. Wir hatten alle Angst, daß das Lager umstellt würde und alle, die noch darin geblieben waren, erschossen würden. Am 20. April waren unsere Essensvorräte aufgebraucht. Deshalb verließ einer von uns als scheinbar Verwundeter, dem wir den Kopf verbanden und einen Arm in eine Schlinge legten, das Versteck, um Essen zu organisieren. Nach einer gewissen Zeit sahen wir verwirrt, wie er zu uns zurückrannte. Da wir nicht verstanden, was er rief, versteckten wir uns wieder. Schließlich verstanden wir, was er schrie: "Kommt raus, kommt raus, die Amerikaner sind schon hier." Ich wußte zwar, die Zeit, kein Mensch zu sein, war vorüber, aber ich begriff es nicht. Wir hatten Hunger.


Die amerikanischen Soldaten, die wir anhielten, schickten uns ins Lager zurück, dessen elektrischer Zaun allerdings inzwischen entfernt worden war. Dort wurden wir von einem amerikanischen Kommando registriert. Wir erhielten eine "Allied Registration"-Karte wieder mit einer Nummer, aber auch mit unseren Namen: "B 001 67488 Alex Deutsch". (Abb. 5) Dieser Paß war für mich eine Genugtuung: Ich hatte wieder einen Namen. Ich war keine Nummer mehr. Ich war wieder ein Mensch. Endlich gab es wieder ausreichend zu essen. Eine Stimme in mir sagte: "Sei vorsichtig und iß nicht zuviel!" Einige starben, weil sie zuviel aßen.

Wo sollten wir uns hinwenden? Nach Berlin wollten wir nicht gehen, da dort die Russen einmarschierten. Die Schwester meines Kameraden Karl Loeb (KZ in Monowitz 105677), der zuvor in Quierschied im Saarland gewohnt hatte, lebte in Luxemburg. Er war ebenfalls in Auschwitz interniert, aber erst auf dem Transport von Buchenwald nach Halberstadt lernte ich ihn näher kennen. Zu seiner Schwester wollten wir uns auf seinen Vorschlag hin durchschlagen. Wie uns dies gelang, weiß ich heute nicht mehr genau. Wir liefen tagsüber und nachts schliefen wir in Parks. Endlich kamen wir bei seiner Schwester, die mit einem Luxemburger verheiratet war, an. Dieser brachte uns am gleichen Abend über die Grenze nach Belgien, da in Luxemburg in diesen Tagen die Deutschen sehr verhaßt waren.

In Belgien fanden wir endlich Hilfe bei jüdischen Vereinigungen. Wir fanden auch rasch Unterkunft bei Privatpersonen, die auch für unsere Verpflegung sorgten. Die zuständigen belgischen Behörden erteilten uns zwar die erforderliche Aufenthaltsgenehmigung, sie aber gaben uns unmißverständlich zu verstehen, daß wir als Deutsche in ihrem Land nicht erwünscht waren. Nach einigen Tagen gingen wir nach Frankreich.

 


Ausreise

Unser nächstes Ziel war es, unsere Familien zu suchen. In Paris, wohin mein Kamerad und ich gingen, traf ich meinen Bruder Ignatz, der die Adresse von unseren Verwandten in Amerika hatte. Da auch in Frankreich - ich wohnte noch eine Zeitlang in Lyon - Deutsche nicht willkommen waren, beantragte ich wie auch mein Kamerad Karl Loeb beim Konsulat die Ausreise nach Amerika. Voraussetzungen für ein Visum waren Bürgschaft und Gesundheitsattest. Beides konnte ich besorgen für das Visum für Amerika (Abb. 6). Auch stellte mir die französische Regierung, da ich über keinen Paß verfügte, einen Ersatzausweis aus.

Am 25.6.1946 kam ich in Amerika an.

Mein Kamerad Karl Loeb, der sehr krank war, konnte kein Gesundheitsattest bringen und bekam daher auch kein Einreisevisum. Er kam später in ein Erholungsheim, und von dort kehrte er 1946 ins Saarland zurück.

 

Amerika

Am 25. Juni 1946 kam ich in New York an, mein Bruder Hermann holte mich ab, und wir flogen zusammen nach St. Louis, Missouri.

Die ersten Tage lebte ich bei meinem Bruder. Als ich dann Arbeit als Bäcker fand, nahm ich mir ein möbliertes Zimmer. Meine Rache und Haßgefühle hatten mich bis zu diesem Zeitpunkt begleitet. Ich wußte: Meine Familie ist nicht mehr da, aber mit Haß und Rache in mir komme ich niemals zur Ruhe und kann in mir keinen Frieden finden. Ich wollte und mußte mir ein neues Leben aufbauen, und das konnte ich nur ohne Haß und Rachegefühle. Ich blickte zurück und dachte auch an die Menschen, die uns allen geholfen hatten zu überleben. Diese gerechten Menschen hatten für mich mehr bedeutet als die, welche uns Schmerz und Leid angetan hatten.

Einen Wiedergutmachungsantrag an Deutschland stellte ich nie. Kein Geld kann mir nämlich das ersetzen, was ich verloren habe: meine Familie. Ich habe vergeben, aber vergessen kann ich es niemals.

Meine Verwandten und die Menschen in Amerika konnten und wollten im Jahr 1946 von diesem Leid und Elend, das wir in Europa erlitten hatten, nichts hören und verdrängten es. Meine Mutter und meine Brüder wollten damit nicht belästigt werden und meinten, sie hätten es auch schwer gehabt. Erst 20 bis 25 Jahre später kam es in den USA zur Aufarbeitung dessen, was 1933 bis 1945 geschehen war. Damals konnte ich also mein Leid nur so verarbeiten, daß ich mich von früh bis spät in meine Arbeit vergrub.

Gleich nach meiner Ankunft stellte ich den Antrag auf amerikanische Staatsbürgerschaft, die mir auch fünf Jahre später trotz fehlender Papiere verliehen wurde.


Bis 1948 besuchte ich eine Schule, in welcher die englische Sprache erlernt wurde. Hier lernte ich Dvora Spiller kennen, geboren am 18.12.1909. Sie kam aus Rußland, wo sie 1917 bei Pogromen gegen die Juden und alle Religionen ihre Eltern verlor und nach Palästina floh. Sie kam 1946 ebenfalls nach St. Louis, wo bereits eine ihrer Schwestern lebte.

Wir heirateten 1948 (Abb. 7). Auf einen großen Freundes- oder Bekanntenkreis legten wir keinen Wert, wir zogen vielmehr ein zurückgezogenes Leben vor. Wir adoptierten 1954 einen dreijährigen, in den USA geborenen Jungen. Ich war froh, daß ich als Neuankömmling, der englischen Sprache nicht mächtig, gleich Arbeit als Bäcker fand. Allerdings verdiente ich nur 15 Dollar in der Woche, während die anderen drei oder gar vier Mal soviel Lohn erhielten wie ich. Als Grund für meinen Niedriglohn gab der Vorarbeiter an, er habe anfänglich meine Leistung nicht einschätzen können, und stellte mir eine Lohnerhöhung von nur 3 Dollar nach jedem Halbjahr in Aussicht. Damit war ich nicht einverstanden. Ich fand 1947 Arbeit in einer anderen Bäckerei, in der ich immerhin mit 58 Dollar in der Woche entlohnt wurde.

Mittels gesparten Geldes und Bürgschaft meines Bruders Bela gründete ich zusammen mit dem Deutsch-Amerikaner Herbert Kranz 1948 ein Lebensmittelgeschäft, in welchem neben den üblichen Lebensmitteln Textil-, Drogerie- und auch Fleischwaren angeboten wurden. Nach dem Tode meines Partners und der Ausbezahlung seiner Witwe übernahm ich 1952 die alleinige Geschäftsführung des "Dutch Boy Supermarket". Jeden Tag fuhr ich bereits um 4 Uhr am Morgen auf den Gemüsemarkt, und erst spät am Abend oder gar in der Nacht kehrte ich heim.


St. Louis liegt an der Grenze zwischen Norden und Süden. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Weiße weg, und ließen sich zunehmend Schwarze, die nach Norden drängten, in St. Louis nieder. Wiederholt wurde in mein Geschäft, obwohl in diesem drei Schwarze angestellt waren, eingebrochen, und es war auch vor Raubüberfällen nicht sicher. Als Reaktion auf die Ermordung von Dr. Martin Luther King in Alabama, der die Gleichberechtigung der Schwarzen forderte, im Jahr 1968, wurden auch in unserer Stadt viele Geschäfte geplündert und Schaufenster eingeschlagen. Seither bezahlte ich Schutzgeld in Höhe von monatlich 100 Dollar an Core, eine Organisation von Schwarzen, die mit dem gewaltsam erpreßten Geld die Ausbildung ihrer Kinder finanzierte. Gleichwohl hörten die Überfälle, bei denen auch geschossen wurde, nicht auf. 1970 ließ ich deshalb die Schaufenster vergittern (Abb. 8).

Ich war zutiefst entsetzt: Sollte ich Auschwitz überlebt haben, um in Amerika wiederum ständiger Todesangst ausgesetzt zu sein? Die Nazis hatten mich mißhandelt, weil ich Jude war, die Schwarzen terrorisierten mich nunmehr, weil ich Weißer war.

Nach einem erneuten schweren Raubüberfall zu Weihnachten 1972 entschloß ich mich, mein Geschäft aufzugeben. Bei der Privatbank "Mount City Trust Company", zu der ich in Geschäftsbeziehungen gestanden hatte, fand ich Arbeit als Kassierer. Dort blieb ich bis zu meiner Pensionierung im Jahr 1978. Im Jahr zuvor, am 29. Mai, war meine zweite Frau verstorben.

 


Rückkehr nach Deutschland

Um zu klären, ob ich von Deutschland Anrecht auf Altersrente hatte, schrieb ich die Landesversicherungsanstalt in Berlin an, die mir dies auch für die Jahre von 1928 bis 1945, also für 17 Jahre, bestätigte. Dem Bescheid der Versicherungsanstalt lag noch ein Schreiben der Witwe meines Kameraden Karl Loeb bei, der gemeinsam mit mir aus dem Konzentrationslager Magdeburg geflohen war. Er war 1971 an den Spätfolgen der von den Inhaftierungen in verschiedenen Konzentrationslagern herrührenden Krankheiten verstorben. Zur Berechnung der Witwenrente suchte nun Doris Loeb nach mir als Zeuge für den Leidensweg ihres verstorbenen Ehemannes. Sie hatte deshalb den Internationalen Suchdienst in Arolsen angeschrieben, der auch nicht über meine Adresse in Amerika verfügte (Abb. 9). Er hatte daher den Brief an die Landesversicherungsanstalt weitergegeben, welcher mir aufgrund meiner Anfrage nunmehr zugeschickt werden konnte. Ich setzte mich daraufhin mit Frau Loeb in Verbindung.

Ende Juni 1978, nach Ablauf des Trauerjahres, kehrte ich nach über 30 Jahren nach Deutschland zurück. Ich besuchte zunächst Frau Loeb in Neunkirchen und fuhr anschließend nach Berlin. Ich besuchte meine Schwester Therese, die auch heute noch in Berlin lebt. Berlin selbst war mir vollkommen fremd. In der Gegend, in welcher wir vor 1943 gewohnt hatten, versuchte ich mit Menschen über das Geschehene und Vergangene zu sprechen, fand aber wenig, ich möchte sogar sagen, kein Interesse.


Ende Juli kehrte ich in die USA zurück und bereitete die Einreise für Doris Loeb vor, die auch Mitte August eintraf. Sie wollte aber nicht in Amerika bleiben und flog daher vier Wochen später wieder nach Deutschland zurück. Da wir aber künftig zusammenleben wollten, entschied ich mich im Dezember, wieder nach Deutschland zurückzugehen, und lebe seither im Wohnort meiner dritten Ehefrau, in Wiebelskirchen (Abb. 10).

Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, als Deutscher jüdischen Glaubens und als Auschwitz-Überlebender, mit der Jugend in Schulen und Organisationen zu sprechen, ihr meine Erfahrungen näher zu bringen, was Menschen durch Haß und Wahn anrichten können.

Es darf nie vergessen werden. Wer auch immer eine Gedenkstätte des Grauens besucht, muß angsterfüllt nachdenken, wo die Grenzen des Hasses liegen.

Meine Bitte an die jungen Menschen lautet: "Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß gegen andere Menschen! Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander!"

Ich habe bis jetzt noch keine schlechten Erfahrungen in Schulen gemacht. Es freut mich, daß die Jugend wissen will, was geschehen ist, viele Fragen stellt und sehr interessiert zuhört.

 

Auschwitz

Im Februar 1994 besuchten gemeinsam mit einer Jugendgruppe aus Idar Oberstein meine Frau, ihre Mutter und ich Auschwitz. Ich wollte noch einmal den Weg von meinen Familienangehörigen, von Thea und Dennis, gehen. Ich betrat in Birkenau nochmals die Rampe, auf der ihnen der Weg in den Tod gewiesen wurde, ich stand ferner in Auschwitz, der Stätte des Hasses, auf den Trümmern der Entkleidungs- wie auch der Gaskammer.Ich wurde hierbei von Gefühlen überwältigt, die sich nicht beschreiben lassen. Ich wußte nur:

Ich habe Auschwitz überlebt.

 

Nachwort

Als deutscher Jude habe ich meine Erlebnisse in Auschwitz der Nachwelt hinterlassen.

Im Gedenken an meine erste Frau Thea Deutsch, geb. Cohn, und meinen geliebten Sohn Dennis Deutsch, geboren 1940, beide ermordet im März 1943 in Auschwitz-Birkenau.

Was in allen Konzentrationslagern von 1933 bis 1945 Menschen aller Nationen, Religionen und Weltanschauungen angetan wurde, kann und darf nie ausgelöscht werden.

Niemand kann den Menschen, die in all den Lagern ermordet und vergast wurden, ihr Leben zurückgeben.

All diese Stätten sollen den nachgeborenen Generationen vor Augen halten, was Menschen durch politische Verführung zu Haß gegen bestimmte Gruppen antun können.

Alle, die überlebt haben, als Opfer und Täter, sind es den vielen Millionen ermordeter Menschen schuldig dazu beizutragen, daß so etwas sich nicht wiederholen darf.