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Bild 1: Minister Commerçon bei seiner Rede

Bild 2: Colin Kaesekamp und Anja Heidenreich von der Agentur Bureau Stabil

Land of Memory: Kolloquium zur Bedeutung von Kunst und Kultur in der Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit

Bildungsminister Ulrich Commerçon: „Kunst und Kultur müssen zukünftig den Großteil der Erinnerungsarbeit leisten“

Die Erinnerung an die vom NS-Regime begangenen Menschheitsverbrechen ist Staatsräson. Die Erinnerung soll uns davor bewahren, dass so etwas wieder geschieht.

Und sie soll die Opfer in Ehren halten. Doch wie gestaltet sich Erinnerungsarbeit, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, deren Erzählungen uns emotional berühren und die mahnen, wenn sich Geschichte zu wiederholen droht? Diese Lücken müssen nach Ansicht von Experten zukünftig unsere vorhandenen Gedenkstätten und Erinnerungsorte schließen. Sie müssen, wenn Erinnerung ohne Zeitzeugen und ohne persönliche Verbindung stattfindet, die Bedeutung der Vermittlung zwischen Einfühlung und Reflexion übernehmen.

Zu dieser Problematik hat das Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung nun ein Kolloquium veranstaltet: Diskutiert wurde, welche Rolle Kunst und Kultur in der Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit spielen können.

Ein Schwerpunkt soll zukünftig auf den Anforderungen an Kunstobjekte in Gedenkstätten und an Erinnerungsorten liegen. Ein anderer Schwerpunkt auf der Bedeutung von künstlerischen Techniken für zeitgemäße Formen der Vermittlung in der Gedenkstätten- und Erinnerungspädagogik.

"Denkmäler dienen als Mittler zwischen den Generationen. Sie zeigen uns, woher wir kommen, wo wir stehen, und helfen uns dabei zu entscheiden, wohin wir gehen wollen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir der Zeit des Nationalsozialismus, in der nicht nur Menschen andere Menschen gequält, erniedrigt und getötet haben, sondern auch die Kunst instrumentalisierten, selektierten und auslöschten, ein von Menschen geschaffenes kulturelles Gedächtnis in genau dieser Form gegenüberzustellen. Kunst und Kultur müssen zukünftig den Großteil der Erinnerungsarbeit leisten. Und wie immens notwendig Erinnerungsarbeit gerade auch für unser heutiges Zusammenleben ist, zeigen die unerträglichen und zunehmenden antisemitischen Äußerungen und Vorfälle in Deutschland, gerade dieser Tage in Zusammenhang mit der Echoverleihung oder die jüngsten Angriffe auf junge Juden in Berlin. Es gehört zu den unverrückbaren Fundamenten, jeder Form des Antisemitismus von Beginn an konsequent und unmissverständlich entgegenzutreten", sagt Kulturminister Ulrich Commerçon.

Die Länder und Regionen unserer Großregion eint eine gemeinsame Geschichte, jedoch mit unterschiedlichen Perspektiven. Je nach dieser wird der gemeinsamen Geschichte auf ganz unterschiedliche Weise gedacht. Wie diese gemeinsame Erinnerung grenzüberschreitend als Mit- und nicht als Gegeneinander zu gestalten ist, soll der saarländische Beitrag zum Interreg-Projekt "Land of Memory", der den Rahmen für das Kolloquium bildete, herausarbeiten. Er legt den Fokus auf die Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit in der Großregion (Saarland, Rheinland-Pfalz, Lothringen, Elsass, Champagne-Ardenne, Luxemburg, Wallonien und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens) für die Zeit von 1933 bis 1945.

Teil des Kolloquiums waren Vorträge von Experten: Die Architektin Dr. Sonja Beeck (Berlin) sprach darüber, welche Anforderungen an die Gestaltung von Ausstellungen zur NS-Zeit im Auftrag der Erinnerung im Hinblick auf Dialogfähigkeit und Kontextbezug zu erfüllen sind. Sie ist als Szenografin unter anderem für die Neugestaltung der Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin verantwortlich sowie gemeinsam mit ihrem Büropartner Detlev Weitz unter anderem für ein Ausstellungskonzept zum Thema Holocaust-Überlebende für das OLG Kassel und die Gestaltung der Dauerausstellung in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen.

Die Künstlerin Juliane Heise (Berlin/Oldenburg) hat zahlreiche Projekte mit Jugendlichen in Gedenkstätten im In- und Ausland geleitet. Dabei wurden künstlerische Techniken als Möglichkeit verstanden, einen individuellen und damit reflektierten Zugang zur NS-Vergangenheit zu finden.

Professor Sébastien Fevry (Mons/Belgien) beschäftigt sich mit der Frage, wie die sogenannte "Postmemory-Generation" die verfügbaren Bildquellen der NS-Zeit für sich in einen Kontext stellt. Das zeigte er anhand von aktuellen Filmen, Romanen und dem Medium der Graphic Novel. Das Liquid Penguin Ensemble aus Saarbrücken griff eines seiner Beispiele heraus und setzte die Graphic Novel "Palatschinken" im Wechsel mit dem Vortrag des Wissenschaftlers aus der Sicht der Künstler um.

Das Kolloquium arbeitete aber nicht nur die Gemeinsamkeiten heraus, sondern auch die Unterschiede, was die Bedeutung von Kunst und Kultur in der Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit in den einzelnen Regionen betrifft. Im Anschluss an die Vorträge vertieften Gespräche mit Akteur_innen der Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit der Großregion das Thema. Dazu war mit Luisa Lehnen eine Vertreterin des Lernortes Kislau geladen. Dort setzt man bei der Vermittlung auf multimediale Angebote sowie das Medium der sogenannten Graphic Novel, also den illustrierten Roman in Comicform.

Volker Gallé, Vorsitzender des Kunst- und Kulturbeirat für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Valérie Neau-Dufour, Leiterin der Gedenkstätte KZ Natzweiler-Struthof sowie Frank Schroeder, Leiter des Resistenzmuseums in Esch-sur-Alzette waren ebenfalls als Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner auf dem Podium vertreten. Zum Abschluss der Tagung berichteten die Saarbrücker Romanistin Prof. Dr. Mechthild Gilzmer und ihre Kollegin Gaelle Crenn von der Université de Lorraine mit ihren Studierenden über geplante grenzüberschreitende Projekte im Bereich der Erinnerungskultur.